12xRLP – Volume 7:
Juli 2016: Wanderkino im Hunsrück

Kastellaun, halb elf abends, blaue Stunde. Ein Beamer auf einem kleinen roten Bollerwagen wirft flackernde Schwarz-Weiß-Filmbilder von Charlie Chaplins verzweifelten Versuchen, mit der „Eating Machine“ Schritt zu halten, an die Häuserwand und erzeugt so einen stimmigen Hintergrund für das Abschluss-Picknick der ersten von Jugendlichen organisierten Wanderkino-Tour im Hunsrück.

Graue Wände bunt machen – so das Motto des diesjährigen Hunsrücker Wanderkino-Projekts, einer Kooperation der Jugendarbeit aus Simmern (treff-mobil) und Kirchberg (Jugendzentrum „Am Zug“) sowie dem Pro-WinzKino in Simmern, mit Unterstützung durch das medienpädagogische Team von medien.rlp aus Mainz. Gemeinsam mit einer Gruppe Jugendlicher aus beiden Städten wurden von April bis Juli zwei Wanderkino-Touren vorbereitet, die pünktlich zum Auftakt der Sommerferien am 14. und 15. Juli durch die sonst eher ruhigen Straßen rollten.

Den Auftakt zum Projekt bildete ein Ausflug ins Filmmuseum in Frankfurt, wo die Jugendlichen Selfies mit Riesen-Heuschrecken vor der Greenscreen-Wand schossen und lernten, dass die Vorläufer unseres heutigen Kinos tatsächlich wandernde Panoptiken waren, dass sie mit dem Wanderkino-Projekt und der mobilen Kinotechnik im öffentlichen Raum gewissermaßen zu den Wurzeln des Kinos zurückkehren.

Highlight für die Teilnehmerinnen war dann das Trailerdreh-Wochenende zur Halbzeit des Projekts: Zwei Stunt-Profis von der stunt-it-Schule aus Köln kamen mit einem Auto voll Equipment nach Kirchberg und brachten den Jugendlichen bei, wie man sich vor der Kamera vermöbelt oder mittels Hechtsprung in einem Auto landet. Als dann noch einer der Jungs unter einer dicken Schicht Schutzkleidung und -gel angezündet wurde, war es mucksmäuschenstill, so konzentriert waren alle bei der Sache.

Beim Pro-Winz-Kino in Simmern durften die Jugendlichen hinter den Kino-Kulissen einen Blick in die Vorführkabine werfen, Kurzfilme sichten und darüber diskutieren, welche Filme sie gerne auf der Kinotour zeigen würden.

Am Ende entstehen zwei spannende und völlig unterschiedliche Touren: In Kastellaun gibt es musikalische Untermalung durch Misch-Masch, eine aus Flüchtlingen und Einheimischen bestehende Band, artistische Einlagen von Kleinkünstler Bille Billewitz sowie Geigen- und Gitarrenmusik von FSJlerin Sophie und Teilnehmer Fereydun am üppig blühenden Fuß der Kastellauner Festung.

In Kirchberg stehen eine Live-BMX-Bike-Show der „Am Zug“-Jungs mit eigens für diesen Abend gezimmerten Rampen, die Auftritte des Beatboxers Saman und der Songwriterin Verena, Saxofon-Musik von Teilnehmerin Angelina und Live-Experimente mit Cola, Mentos-Bonbons und „brennenden Händen“ sowie eine Kostprobe der Stunt-Moves aus dem Trailer-Workshop auf dem Programm. Und dazwischen natürlich jede Menge spannender, lustiger, nachdenklich machender, farbenfroher Kurzfilme.

Am Ende ist es spät und alle sind müde, aber glücklich. Der rote Bollerwagen rollt zurück nach Mainz, um seine Autobatterien wieder aufzuladen, die Jugendlichen feiern die Aussicht auf sechs Wochen schulfrei, die Zuschauer*innen gehen mit neuen Ein-Blicken in spannende Hinterhöfe ihrer altvertrauten Hunsrücker Heimat nach Hause. Und die Kollegen Bernd Mauerhoff vom treff-mobil und David Sindhu vom Jugendzentrum „Am Zug“? Für die heisst es: Nach dem Projekt ist vor dem Projekt, denn jetzt werden die Ärmel hochgekrempelt und das Sommerprogramm gestemmt.

Finanziert wurde das Projekt übrigens im Rahmen von „Movies in Motion“, dem „Kultur macht stark“-Förderprogramm vom Bundesverband für Jugend und Film e.V.

Autorin: Johanna Gather