12xRLP – Volume 5:
Mai 2016: Jugendarbeit in der VG Selters

Gelb leuchtet links und rechts der Raps, dazwischen drehen sich emsig die stets präsenten Windräder, der Himmel wechselt rasant von sonnig zu gewittrig-dunkelblau: heute machen wir einen Abstecher in den Norden von Rheinland-Pfalz: Schenkelberg, gelegen in der Verbandsgemeinde Selters im Westerwald. Die nächste größere Stadt ist Koblenz, 40km entfernt.

16.000 Menschen leben in der ländlich strukturierten VG, verteilt über 21 Orte. Olaf Neumann ist Verbandsgemeinde-Jugendpfleger; als One-Man-Show versucht er, die grob geschätzt 1.000 Kinder und Jugendliche in seinem Zuständigkeitsbereich zu erreichen. In den Sommermonaten ist er mit dem „Landgänger“ unterwegs – einem bunt bemalten Bauwagen, ausgestattet mit kleiner Küchenzeile, Sitzecke, einem Ghettoblaster, einer Kiste Bravo-Hits der letzten zwei Jahrzehnte, und natürlich jeder Menge Spiele für gutes und weniger gutes Wetter.

Während er routiniert Tisch-Billard, Stelzen und Sitzgelegenheiten auf dem Dorfplatz rund um den Bauwagen platziert, erzählt Olaf von seinem Werdegang und seiner Arbeit. Er ist Jugendpfleger mit Haut und Haar, das merkt man, wenn man ihm zuhört und ihn im Kontakt mit den Kindern beobachtet. Freitag ist sein Lieblingstag in der Woche, denn da finden die Treffen seiner Musicalgruppe statt, mit der gerade ein Stück über Castingshows erarbeitet wird. Im Juni ist Premiere und Dieter Bohlen taucht in einer dämonischen Rolle auf – so viel sei verraten.

Was er so liebt an seiner Arbeit: „dass ich mit Menschen zu tun habe, die lebendig sind, die sprühen, die funkeln. Natürlich auch mit allen Problemlagen, die sich dabei so auftun.“ Es hat eine Weile gedauert, bis Olaf den Weg in die Jugendarbeit fand. Zunächst lernte er Elektriker, was ihm gerade bei der Überprüfung der Stromanschlüsse im neu zu beziehenden Ausweich-Jugendhaus zugute kommt. Anschließend Elektrotechnik-Studium, Beamter bei der Telekom, aber immer wieder gespürt: das Herz schlägt für die Pädagogik. Ein weiterer Umweg führt über ein Lehramtsstudium ins Referendariat – erneute Einsicht: Nee, im System Schule, da willst Du nicht arbeiten. Und schließlich als Honorarkraft in der Aussiedlerarbeit der Diakonie, erstmalig Jugendarbeit und das Gefühl: das ist es, hier fühle ich mich angekommen. Da war er gerade mal Anfang 30. Seit 2001 ist er jetzt Jugendpfleger in der VG Selters, 2010 nochmal einen Trägerwechsel, jetzt ist er direkt bei der VG angestellt.

Im Laufe des Nachmittags kommt VG-Bürgermeister Klaus Müller vorbei und setzt sich „auf einen Schlach zu uns, paar Minuten frische Luft genießen.“ Er ist Kind der Region, stammt aus dem nahe gelegenen Sessenhausen, und klärt uns über die Herkunft des Namens „Landgänger“ auf: Seine Vor-vor-vor-vor-Fahren, die waren so genannte „Kiezjesträger“, die sind mit einem Kiez am Buckel handeln gegangen. Mit tönernen Waren aus dem Kannenbäckerland, so nannte man damals den südwestlichen Westerwald, der sich als Keramik-Region einen Namen gemacht hatte, zogen die Händler bis nach Holland. Sie waren, ähnlich wie Olaf Neumann heute, von Frühling bis Herbst unterwegs und boten ihre Waren an – das waren die „Landgänger“.

Der Namensvetter in Form des jetzigen mobilen Jugendarbeits-Bauwagens wurde mit tatkräftiger Unterstützung von Jugendlichen ausgebaut, bemalt und mit Liebe fürs Detail gestaltet. Innen an der Wand neben der Sitzecke befinden sich eine bunte Collage von Kinderbildern, sie alle sind Olaf gewidmet.

Das Ende des Gesprächs wird eingeläutet vom Himmel, wo sich nun doch noch die Regenfront durchgesetzt hat. Und so wird in einer konzertierten Hauruck-Aktion mit allen anwesenden Kindern und Erwachsenen in Best-Zeit sämtliche Gerätschaft verstaut und alle drängen sich im Bauwagen um die Tische. Es kann zum gemütlichen Teil übergegangen werden. Mit Olafs persönlicher Leibspeise: Salzstangen.

Autorin: Johanna Gather